Ahmad (Fotocredit: Viktoria Madlmeir)

Mein Name ist Ahmad, ich bin in Damaskus aufgewachsen. Nach meiner Matura habe ich mich dort für ein Schauspiel Studium beworben, aufgrund des Krieges konnte ich jedoch nicht zum Vorsprechen anreisen und das Studium nicht beginnen. In Damaskus gilt die Matura als Zulassung für ein Studium nur für ein Jahr, insgesamt kann man diese dreimal machen. Ich schloss also im darauffolgenden Jahr die Prüfung erneut ab und begann anschließend, Journalismus zu studieren. Schauspiel wollte ich studieren, weil mich das Theater fasziniert und mir die arabischen Theaterstücke sehr gefallen. Journalismus, weil die arabische Sprache so schön ist – es gibt so viele Wörter, die ich gar nicht auf Deutsch übersetzen kann, weil sie in dieser Sprache keinen Sinn ergeben würden. Arabisch ist eine sehr romantische Sprache.

 

„Darüber zu schreiben hat mir geholfen.“

 

In Damaskus wurde ich auf meinem Weg zum Studium immer wieder von Männern aus der Armee angehalten und gefragt, warum ich noch nicht beigetreten bin. Ich war alt genug, aber ich wollte nicht zur Armee. Wäre ich beigetreten, hätte ich Menschen, meine Nachbarn, vielleicht sogar meine Familie, töten müssen – ich brauche nicht zu erklären, warum ich das nicht wollte. Der Weg zur Uni wurde immer gefährlicher für mich und eines Tages sagte mein Vater zu mir: „Junge, du musst jetzt ausreisen.“

Auf meiner Flucht war ich auf mich allein gestellt, deshalb begann ich meine Gedanken und Erlebnisse in einem Tagebuch aufzuschreiben, das half mir diese zu verarbeiten. So kam ich zum Schreiben, und heute schreibe ich Texte über alles Mögliche. Ich mag es, Menschen und Tiere zu beobachten, mich in sie hineinzuversetzen und mir vorzustellen, wie sie sich in diesem Moment fühlen. Das habe ich auch in Damaskus schon gerne gemacht, wenn ich zum Beispiel im Auto saß und an großen Häusern vorbeifuhr, dachte ich oft „Was machen die Menschen da drin?“ Damit hör ich dann nicht auf, bis ich glaube, ihre Ansichten verstehen zu können. Erst dann schreibe ich darüber – manchmal wird das sehr emotional. Aber ich mach das trotzdem, weil ich oft denke, dass es gut ist, die Perspektive zu wechseln.

 

„Ich möchte dem Land, das mir ein neues Leben ermöglicht, etwas zurückgeben.“


Manche meiner Texte handeln auch von mir selbst und meinen Erfahrungen. Besonders am Anfang, als ich nach Österreich gekommen bin, war ich oft traurig, weil Menschen plötzlich Angst vor mir hatten, nur weil ich anders aussehe als sie. Das bin ich nicht gewohnt und ist sehr verletzend. Darüber zu schreiben hat mir geholfen. Besonders da ich mich damals noch nicht mit ihnen unterhalten konnte. Später, als ich Deutsch sprechen konnte, bin ich auf sie zugegangen und habe sie gefragt, ob sie mit mir über ihren abwertenden Blick sprechen möchten. Das hat vieles verändert und heute fühle ich mich nicht mehr fremd.

Ich denke, die Sprache zu lernen und einen Job zu haben sind die wichtigste Basis, wenn man plötzlich in einem völlig fremden Land lebt. Erst dann fühlte ich mich hier richtig, ich möchte dem Land, das mir ein neues Leben ermöglicht, ja auch etwas zurückgeben. Vorher kannst du dich nicht erklären, nicht einmal einkaufen gehen. Auch die Anfeindungen nehmen ab, wenn du sagst, dass du arbeiten gehst. Viele Menschen verstehen nicht, dass Geflüchtete in den ersten Monaten nicht arbeiten dürfen – es wird uns nicht erlaubt. Wie gerne hätte ich diese ersten Monate anders genutzt!

Als es mir schließlich erlaubt war, habe ich lange gesucht, da mein Schulabschluss in Österreich nicht anerkannt wurde. Ich lernte die Sprache, versuchte mir jeden Tag zehn neue Wörter zu merken, und bekam dann endlich einen Job und anschließend die Chance auf eine Lehre. Vor kurzem habe ich die Lehrabschlussprüfung bestanden und nun wurde ich bereits befördert. Für diese Gelegenheit, die mir hier gegeben wurde, bin ich sehr dankbar. Überhaupt sollte man jede Chance nutzen, die sich ergibt.

Mein Name ist Ahmad, das ist ein Teil meiner Geschichte. Ich bin bestens integriert, ich habe mich angepasst. Und doch treffen mich noch immer diese ängstlichen Blicke, manche Menschen wechseln immer noch die Straßenseite. Mein Wunsch ist, dass wir aufhören einander anhand des Aussehens zu kategorisieren. Meine Hautfarbe ist nicht entscheidend dafür, wer ich bin.