Im Projekt Global Districts ermöglichen wir jungen Aktivist:innen aus dem Globalen Süden und Europa, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Im Rahmen der International Summer School for young women*, einem Teil des Projekts, fand ein Austausch mit Aktivistinnen, darunter Fatimé Zara Haroun und Koumbo Loïs Nanga Tallo, statt. Beeindruckt von ihrem Engagement für Geschlechtergerechtigkeit im Tschad baten wir sie für Südwind Aktuell um ein Interview. Content-Hinweis: In diesem Interview wird sexualisierte Gewalt angesprochen.
Unsere Gesellschaft ist in Sachen Geschlechtergerechtigkeit noch lange nicht am Ziel. Mit welchen Herausforderungen sehen ihr euch als Aktivistinnen und Frauen im Tschad konfrontiert?
Loïs: Für eine junge weibliche Aktivistin sind die Herausforderungen im Tschad enorm. In einem Umfeld wie unserem werden die Stimmen von Mädchen und jungen Frauen nicht immer gehört. Gleichzeitig herrschen ein Mangel an Ressourcen, ein eingeschränkter Zugang zu finanziellen Mitteln und anhaltende Vorurteile im Hinblick auf Themen wie psychische, sexuelle und reproduktive Gesundheit einschließlich Menstruation. Trotz dieser Herausforderungen bin ich der Überzeugung, dass jedes Hindernis auch eine Chance ist zu zeigen, dass Frauen den Wandel vorantreiben können.
Fatimé Zara: Der Begriff „Feministin” ist im Tschad mit vielen Vorurteilen behaftet. Das liegt daran, dass patriarchale Denkmuster tief verwurzelt sind und der öffentliche Raum, Aktivismus und Politik als Männerdomänen gelten. Das politische Umfeld ist nach wie vor restriktiv und die Machthabenden zeigen wenig Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen, besonders wenn es um feministische oder von Frauen geführte Bewegungen geht.
Welchen Beitrag leistet eure Arbeit für die Verbesserung der Lebensrealitäten der Frauen im Tschad?
Fatimé Zara: Auch wenn es noch sehr viel zu tun gibt, sehen wir bereits Verbesserungen. Immer mehr Frauen sprechen über die Gewalt, die sie tagtäglich erfahren, und brechen so mit einem seit langem bestehenden Tabu. In unserer Arbeit bieten wir Unterkunft, Rechtsbeistand und psychosoziale Unterstützung dort, wo der Staat abwesend ist. Viele Mädchen und Frauen können so bis ins Erwachsenenalter eine Schule besuchen.
Loïs: Im Rahmen meines Vereins SAVE organisiere ich Erste-Hilfe-Kurse und betreibe Aufklärungsarbeit rund um Menstruation, geschlechterspezifische Gewalt und psychische Gesundheit, besonders für im Tschad lebende geflüchtete Frauen. Ich will Frauen und Mädchen das nötige Wissen zur Verfügung stellen, damit sie gesund bleiben, Selbstvertrauen aufbauen und innerhalb ihrer Community unabhängiger werden können.
Was ist eure Inspiration und Motivation für euer Engagement?
Loïs: Am meisten inspirieren mich die Frauen und Mädchen, deren Leben sich aufgrund einer einfachen Information oder eines Workshops komplett geändert haben. Jedes Lächeln, jedes Statement und jede Person, die anschließend anderen hilft, erinnert mich daran, warum ich weitermache. Mein Glaube, mein Medizinstudium und meine Überzeugung, dass jeder Mensch ein Leben retten kann, lassen mich noch entschlossener werden.
Fatimé Zara: Mich inspiriert und ermutigt vor allem das Lächeln meiner Mutter, weiterzumachen. Aber auch der Erfolg anderer junger Frauen, die Vorbilder geworden sind, und meine Entschlossenheit, einen Beitrag zur Geschichte zu leisten, damit zukünftige Generationen ohne Angst leben können.
Wie steht es um die gegenseitige Unterstützung von Aktivistinnen im Tschad?
Fatimé Zara: Tschadische Aktivistinnen unterstützen sich gegenseitig durch eine Vielzahl kollektiver Strategien. Sie bilden starke Bündnisse, um Fortbildungen, generationsübergreifendes Mentoring, friedliche Demonstrationen gegen geschlechtsspezifische Gewalt, Interessenvertretungen sowie den Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Unterstützung zu organisieren.
Loïs: Diese Solidarität vergrößert die Wirkung unserer Arbeit und hilft uns, mehr Gemeinden zu erreichen und gemeinsame Lösungen für Frauen und Mädchen zu entwickeln.
Was können wir von euren Erfahrungen im Tschad lernen?
Fatimé Zara: Meine Erfahrungen und mein Engagement sind Lehrstücke über Resilienz, weiblichen Mut und Aktivismus mit internationaler Wirkung. Als jemand, der sehr jung zur Waise und vergewaltigt wurde, habe ich mein Trauma in eine produktive Kraft für Veränderung verwandelt. Als Gründungspräsidentin des Parlaments junger weiblicher Führungskräfte des Tschad hat mein Einsatz bei den Vereinten Nationen im Jahr 2022 viele Menschen auf der ganzen Welt inspiriert. Indem sich Überlebende von sexueller Gewalt weigern, sich durch ihre Lebensumstände definieren zu lassen, können sie zu Führungspersönlichkeiten mit globaler Wirkung werden.
Loïs: Tschad wird oft nur anhand seiner Herausforderungen dargestellt. Dabei ist es auch ein Land der Widerstandsfähigkeit, der Innovation und der Solidarität. Mit Engagement, Bündnissen und echter Handlungsbereitschaft ist es möglich, das Leben der Menschen zu verändern.
PS: Der Global Gender Gap Report erhebt jährlich die Geschlechtergerechtigkeit weltweit im Bereich Politik, Gesundheit, Bildung und Wirtschaft. 2026 belegt Tschad Platz 145 von 145 Ländern.







