Angesichts dieser Missstände fordert Südwind die Bundesregierung zum Handeln auf. „In Zeiten, in denen Digitalisierung und Elektrifizierung immer wichtiger werden, müssen wir auch die sozialen Folgen ernst nehmen. Die Arbeiter:innen dürfen nicht den Preis für den Technologie-Boom zahlen“, sagt Julia Weber, Projektleiterin bei Südwind. Gerade Österreich hinkt laut der Menschenrechtsorganisation bei wichtigen Schutzmechanismen hinterher. „Die Bundesregierung ist sowohl säumig bei der Umsetzung der EU- Zwangsarbeitsverordnung als auch bei strengen Sozialkriterien in der öffentlichen Beschaffung.“
Die Studie wurde durchgeführt von Olga Martin-Ortega, Professorin für Völkerrecht und Forscherin am Institute of Advanced Legal Studies der University of London, sowie lokalen Expert:innen. Die Co-Autor:innen aus Thailand, Malaysia und Indonesien stellten beim Pressegespräch in Wien Ergebnisse vor und schilderten den Alltag in den Elektronik-Fabriken.
Malaysia: Überstunden als Druckmittel, Angst vor Repressionen
„Eine reguläre Schicht in den Fabriken, die ich in Malaysia besucht habe, dauert zwölf Stunden – acht Stunden Arbeit plus vier Überstunden. Wer Überstunden ablehnt, muss mit Sanktionen, Degradierungen und entgangenen Gehaltszulagen rechnen. Das ist Nötigung. Wanderarbeiter:innen trifft es noch härter: Ihre Arbeitserlaubnis ist an den Arbeitgeber gebunden. Verlieren sie den Job, verlieren sie ihren legalen Status und müssen das Land sofort verlassen“, schildert Thanussha Francis Xavier, Projektkoordinatorin in Malaysia, IndustriALL.
„Ohne echte Vereinigungsfreiheit bleibt jeder Schutz nur auf dem Papier. Wir erleben täglich, wie Arbeitnehmer:innen eingeschüchtert werden, sobald sie sich gewerkschaftlich engagieren“, berichtet Divid Arulappen, Gewerkschafter (Electronics Industry Employees Union Northern Region, Malaysia). „Kolleginnen, die an Gewerkschaftswahlen teilgenommen haben, wurde die Vertragsverlängerung verweigert – trotz einwandfreier Arbeitsbilanz. In einem anderen Fall wurde eine Gewerkschaftsführerin entlassen und diffamiert, weil sie auf unsichere Arbeitsbedingungen hingewiesen hat.“
Indonesien: Die „Politik der Erschöpfung” im Nickel-Sektor
Yohannes Wasi Gede Puraka, Policy Experte von Inkrispena in Indonesien schilderte die Bedingungen in der Nickelverarbeitung für E-Auto-Batterien: „Die Erschöpfung der Arbeiter:innen ist kein Nebenprodukt, sondern eine kalkulierte Strategie. Das neue 6+1-Arbeitssystem Indonesiens – sechs Arbeitstage, ein freier Tag – macht ausreichende Ruhe und Erholung unmöglich. Gleichzeitig ist das Einkommen, das sich aus 60 Prozent Anreizen und 40 Prozent Grundlohn zusammensetzt, so niedrig, dass Arbeiter:innen zu Überstunden gezwungen sind. Manche arbeiten Schichten von bis zu 16 Stunden, nur um einen ausreichenden Lohn zu verdienen. Und das unter Bedingungen, die ihre Gesundheit gefährden – mit unzureichender Schutzausrüstung und mangelnden Informationen über die Risiken.”
Thailand: Wanderarbeiter:innen bezahlen für ihre Jobs
Ussarin Kaewpradap Luthra, Arbeitsrechtsexpertin von der Labour Rights Foundation, Thailand: „Die burmesischen Migrant:innen, mit denen wir arbeiten, haben für ihre Jobs bezahlt: Vermittlungsgebühren, Bestechungsgelder, Reisekosten – oft finanziert durch Kredite mit hohen Zinsen. Einige haben sogar ihr Land verkauft, um diese Vermittlungsgebühren zu bewältigen. Von ihren Arbeitgebern werden sie angewiesen, all dies gegenüber Arbeitsinspektor:innen zu leugnen. Das ist systematischer Rekrutierungsbetrug. Gleichzeitig hängt ihr legaler Status vom Arbeitgeber ab: Wer sich beschwert oder versucht, sich zu organisieren, riskiert die Nicht-Verlängerung des Vertrags – und damit die sofortige Rückkehr in ein Konfliktgebiet. Viele können nicht nach Myanmar zurück. Ihre Dörfer existieren nicht mehr, oder sie würden sofort zwangsrekrutiert vom Militär.”
Südwind Forderungen an die Bundesregierung
Die Beispiele zeigen: Zwangsarbeit zeigt sich mitunter in legal anmutenden Arbeitsverhältnissen, die Ausstieg und Widerspruch unmöglich machen. Deshalb fordert Südwind von der Bundesregierung und speziell von Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer:
- Die Wirksame Umsetzung der EU-Zwangsarbeitsverordnung: Die EU- Zwangsarbeitsverordnung (Forced Labour Regulation – FLR) verbietet den Import von Waren aus Zwangsarbeit. Bei der Umsetzung ist Österreich aktuell im Verzug. Die zuständigen Kontrollbehörden hätten bis Dezember 2025 benannt werden müssen – Österreich ist dieser Pflicht bis heute nicht nachgekommen. Bis Dezember 2026 müssen zudem wirksame nationale Sanktionsvorschriften der EU-Kommission gemeldet werden. Die Bundesregierung muss diese Maßnahmen dringend nachholen.
- Kein öffentliches Geld für Elektronik aus Zwangsarbeit: Die öffentliche Hand muss sicherstellen, dass Elektronikfabriken in den Produktionsländern unabhängig überprüft werden. Das ermöglicht eine Mitgliedschaft der Bundesbeschaffung GmbH bei Electronics Watch – nach dem Vorbild Frankreichs, Irlands und der Stadt Graz.
- Die Durchsetzung von Arbeitsrechten in EU-Handelsabkommen: Österreich muss in laufenden und künftigen EU-Handelsabkommen mit Malaysia, Indonesien und Thailand auf verbindliche Sozialstandards mit unabhängigen Beschwerde- und Durchsetzungsmechanismen hinwirken. Arbeiter:innen müssen Missstände melden und sich organisieren können, ohne Angst vor Kündigung oder Repression.











