Matthias in China

Unser Elektronik-Experte Matthias Haberl verbrachten den September 2018 in Hongkong und Mainland China. Dort arbeitet er bei der Arbeitsrechtsorganisation „Labour Education and Service Network“ (LESN). Hier berichtete er von seinen Erlebnisse und Erkenntnissen.

1. Oktober 2018: Video-Impressionen

Nach meiner Rückkehr nach Österreich möchte ich noch ein paar Video-Impressionen von meinen Recherchen in China mit euch teilen. Ich habe eine kurze Playlist zusammengestellt.
Mit meinen Kollegen sind wir durch enorme Fabriksviertel in Xian gefahren, wo sich eine Samsung Produktionsstätte an die nächste reiht. Und wir haben uns Guiyu angesehen, eine Großgemeinde in der chinesischen Provinz Guangdong. Früher war das angeblich die größte Elektroschrotthalde der Welt. Es ist immer noch riesig und die Arbeitsbedingungen sind teilweise katastrophal.
Rückblickend hat mich bei meinem Aufenthalt in China besonders der Mut und die Kompetenz unserer Partner aus Hongkong beeindruckt.

27. September 2018: Vom Fußball

Erstmal muss man sagen, die spielen hier in China und Hongkong auch nur mit normalen Fußbällen. Die werden gleich wie unsere Fußbälle immer noch zu einem guten Teil in Pakistan genäht.
Zweitens gibt es hier die Seite www.offside.hk, die erste englischsprachige Seite über den Fußball in Hongkong. Und der Tobias, der sie gegründet hat und betreibt, der ist Sankt Pöltner. Endlich jemand Berühmter aus St. Pölten, könnte man sagen...
Der Tobias erklärt dann aber noch viel mehr. Zum Beispiel dass Fußball hier am Anfang nur von den Engländern gespielt wurde. Und dass das erste chinesische Nationalteam dann von Chinesen aus Hongkong gestellt wurde. Und dass die Fans hier in Hongkong recht harmlos sind, in China aber auch ganz gut in Ultra Bewegungen organisiert sind. Was für China irgendwie überraschend wirkt. Und dass Fußball hier hauptsächlich dann bedeutend wird, wenn es gegen China geht. Weil Hongkong ist zwar ein Teil von China, aber dann auch wieder nicht. One Country, two Systems. Gilt auch für den Fußball.

 

 

25. September 2018: Glück im Spiel?

Hongkong war ja bis 1997 britische Kolonie. Macau war bis 1999 portugiesische Kolonie. Beide gehören sie heute zu China. Macau ist nur eine Stunde per Boot von Hongkong weg. Oder 15 Minuten per Helikopter. Echt, du kannst wie auf einem Bahnhof einfach einen Helikopterflug buchen. Hab ich aber eh nicht gemacht, ich arbeite ja für eine umweltbewusste NGO.

Macau ist voller Casinos. Las Vegas ist höchstens die kleine Schwester von Macau. Sagt man. Ich war in Macau, und es ist unglaublich. Jedes Hotel hat ein Casino dabei, an jeder Ecke kannst du dein Geld verspielen. Ich frage mich, warum sich in Macau so ein Casino-Paradies entwickelt hat. Ist der einzige Grund der, weil in China Glücksspiel verboten ist?

20. September 2018: Vom Zahlen

Bargeld war mal. Sagen wir, wie es ist. In Zukunft wird das verschwinden. In Schweden ist das ja jetzt schon so. Hier in Chengdu, wo ich grad bin, ist das anders. Hier bezahlt man auch recht wenig in bar und fast alles per WeChat Pay oder Alipay per Handyapp. Du hältst das Handy hin und weg ist das Geld. Irgendwie genial, irgendwie gruselig.

Meiner Meinung nach hat die genialste Lösung Hongkong. Hier hat jede und jeder eine „Octopus-Card“. Mit der kannst du überall zahlen, in der U-Bahn, im Geschäft, im Schwimmbad, etc. Das ist eine Karte, auf die du vorher Geld auflädst. Und dann bezahlst du kontaktlos und anonym damit, weil die Karte nicht personalisiert ist. Geht schnell, ist praktisch und echt einfach und eben anonym. Bravo Hong Kong, man sollte das auch mal den SchwedInnen erzählen...

17. September 2018: Von der Ruhe im Gewimmel

Was es hier in Hongkong überall gibt, sind Menschen. Mit rund 6.500 BewohnerInnen pro km² ist die Bevölkerungsdichte auch recht hoch (und da ist ja viel Meer dabei). Ständig weiche ich wem aus oder – gefühlt noch öfter – laufe in wen rein. Man teilt sich Tische in Cafés mit anderen, weil es sich sonst nicht ausgeht (und weil es auch nett ist) und der Lift aus dem zwölften Stock macht nach unten mindestens drei Zwischenhalte. Wenn es regnet, und das tut es täglich, dann bewegt sich ein Meer aus bunten Schirmen durch die Stadt. 

Mich beeindruckt enorm, wie ruhig die Menschen hier damit umgehen. Mich hat noch niemand angeschnauzt, alle spazieren hier in recht gemütlichem Tempo durch die Stadt. Zu mir sind alle freundlich und ich hab den Eindruck, auch generell ist das so und nicht nur, weil ich ja offensichtlich jedenfalls kein Chinese bin. WienerInnen, kommts mal her und schauts euch das an.

13. September 2018: Wohnungsführung

Auf die Frage, wie er es sich mal mit Kindern mit seiner Freundin vorstellt, lacht mein Kollege aus Hongkong nur. Viel zu teuer, meint er. Nicht das Kind, der Lebensraum. Er denkt nicht, dass er sich das mal leisten kann. Denn jetzt schon geht ein großer Teil seines Gehalts für die Wohnung drauf. Und ich hab die Wohnung gesehen, in Wien ist jedes WG Zimmer größer als die Wohnung, die er sich mit seiner Freundin teilt. Die 1-Kind-Politik wie in Mainland China gab es in Hongkong nie, braucht es aber anscheinend auch gar nicht. Denn Hongkong ist, wenn man die Geburten der Immigrantinnen aus Mainland China und Südostasien wegzählt, die Region mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt.

Warum sind Wohnungen klein und teuer in Hongkong? Dafür gibt es mehrere Gründe: Dank der Globalisierung hat sich Hongkong mit dem immerhin drittgrößten Hafen der Welt zu einem Wirtschaftszentrum gemausert. Viele Menschen haben viel Geld und können kleine, teure Wohnung zahlen. Generell gibt es einen großen Mangel an Wohnraum, weil es geografisch nicht ganz einfach ist, eingezwängt zwischen Meer und Bergen. Aber eigentlich gäbe es genug Wohnungen, aber dann kommt halt die Spekulation dazu. Und wie so oft die Gentrifizierung. Alte Gebäude werden abgerissen, die Mietverträge der MieterInnen von den HausbesitzerInnen davor oft nicht verlängert, um Kompensationszahlungen zu vermeiden und die neuen Wohnungen sind zwar super, aber für „normale“ Menschen zu teuer. Diese Geschichte kennt man wohl weltweit…

11. September 2018: Es geht los

Es ist alles ganz einfach. Man braucht nur die richtigen Partner. Und Kin ist eindeutig der richtige. Der nette Kerl hat mich vom Flughafen abgeholt und wir sind gleich mal ins Büro von LESN. Das nenn ich Arbeitsmoral. Meine Arbeitsmoral mein ich damit natürlich ganz bescheiden...

Hongkong ist zwar super organisiert, und als Stadt doch verrückt. Noch interessanter sind aber die Leute, die ich hier treffe. Schon am zweiten Tag war ich bei einem Treffen von Leuten, die sich mit Arbeitsbedingungen in China, Ostasien und Südostasien beschäftigen. Und die wissen alle echt viel.

Oder habt ihr gewusst, dass man für die Batterien von Elektroautos derzeit 9x mehr Material braucht als für die Batterien von allen Handys, die produziert werden? Oder dass Vietnam ein neuer Hotspot für die Elektroindustrie werden soll? Oder dass japanische Firmen wie Panasonic problemlos mit Firmen aus anderen Ländern kooperieren, aber koreanische eher unter sich bleiben?

Und das ist erst der Anfang. Hongkong ist das Kompetenzzentrum für alle Fragen rund um die Elektronikindustrie. Ich werde hier viel lernen und werde von meinen Erkenntnissen und Erlebnissen berichten...

 

 

Unser Mitarbeiter Matthias Haberl nimmt am EU-China-Twinning Programm teil, das von der Stiftung Asienhaus und CANGO organisiert wird und von der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung Mercator gefördert wird. Mehr erfahren