Clean Clothes Kampagne: Nie wieder Rana Plaza! Mahnwache erinnert an systematische Ausbeutung in der Modeindustrie

Aktivistinnen in Wien fordern "Justice for Jeyasre" / Jonas Holl

Acht Jahre nach Rana Plaza-Einsturz stehen Ausbeutung, Übergriffe und Gewalt weiterhin an der Tagesordnung – Südwind und die Clean Clothes Kampagne fordern einen strengen Rechtsrahmen

Wien, am 22. April 2021. Mit einer Mahnwache vor einer H&M-Filiale auf der Mariahilferstraße erinnern Südwind und die Clean Clothes Kampagne am Mittwochnachmittag an Jeyasre Kathiravel. Die 20-jährige Textilarbeiterin, die im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu für H&M Kleidung produzierte, wurde Anfang 2020 von einem Vorgesetzten nach wiederholter sexueller Belästigung ermordet. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass das Opfer sowie mehrere Kolleginnen sexuellen Übergriffen ihrer Vorgesetzten ausgesetzt waren. „Der wahre Preis von Billigmode wird mit menschlichem Leid bezahlt. Acht Jahre nach Rana Plaza ist deutlich zu sehen, dass Ausbeutung und Gewalt in der Modeindustrie weiterhin System haben. Diskriminierung, Hungerlöhne bis hin zu sexualisierter Gewalt stehen immer noch an der Tagesordnung“, sagt Gertrude Klaffenböck, Südwind-Expertin und Leiterin der Clean Clothes Kampagne. „Es braucht endlich effektive Präventionsmaßnahmen und strenge gesetzliche Regeln gegen die Ausbeutung in Bekleidungsfabriken.“

„Trotz aller Besserungsversprechen der Modekonzerne, bleibt der Arbeitsplatz in Textilfabriken ein Hochrisikobereich für Arbeiterinnen und Arbeiter. Der grausame Mord in Indien verdeutlicht das einmal mehr. Während sich Unternehmen wie H&M in Absatzmärkten wie Österreich mit dicken Nachhaltigkeitsberichten gerne ein verantwortungsbewusstes Mäntelchen umhängen, wird in den Produktionsländern ein wirksamer Schutz der Arbeiterinnen weiterhin unterlassen”, kritisiert Klaffenböck.

Mit einer Mahnwache in Wien setzten Aktivistinnen und Aktivisten am Mittwochnachmittag ein starkes Zeichen gegen geschlechtsspezifische Gewalt und Diskriminierung in der Modeindustrie. Die Fabriksbesitzer der Firma Eastman Export, für die Jeyasre Kathiravel tätig war, bestreiten die Beschwerden von Arbeiterinnen. Gleichzeitig haben seit dem Mord mehr als 25 weitere Arbeiterinnen derselben Fabrik von Belästigungsfällen berichtet. „Anstatt wirksame Maßnahmen zu setzen, wird Kritik immer noch unter den Teppich gekehrt. Damit muss endlich Schluss sein“, sagt Gertrude Klaffenböck von Südwind. Die Aktivistinnen und Aktivisten fordert von H&M, den Forderungen von Kathiravel’s Familie und ihrer Gewerkschaft, der Tamil Nadu Textile and Common Labour Union (TTCU), nachzukommen und gemeinsam mit der Fabrik und der Gewerkschaft ein Abkommen für die Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt durchsetzen und die Versammlungsfreiheit garantieren.

Wenig Lehren aus Rana Plaza-Einsturz.
Am 24. April 2013 wurden beim Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch mehr als 1.100 Arbeiterinnen und Arbeiter getötet und mehr als 2.000 Menschen verletzt. Acht Jahre später zeigt sich, dass von den Versprechen der Textilindustrie für faire Arbeitsbedingungen nicht viel übrig blieb. Deutlich wurde dies nicht zuletzt im vergangenen Jahr. Mit Verweis auf die Pandemie wurden 2020 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter in Asiens Textilfabriken gekündigt und Milliarden an ausständigen Löhnen und Entschädigungen bis heute einbehalten. Die Folge sind Existenznöte, Armut und Hunger.

Ungeahndete Menschenrechtsverletzungen in den Lieferketten internationaler Konzerne werden durch das Fehlen einer verbindlichen Unternehmenshaftung ermöglicht. Südwind setzt sich daher im Rahmen der zivilgesellschaftlichen Kampagne “Menschenrechte brauchen Gesetze” für ein strenges Lieferkettengesetz und verbindliche Regeln für Konzernverantwortung ein. Die entsprechende Petition kann unterschrieben werden unter: https://www.suedwind.at/petition/