SÜDWIND zu Integrationsbericht: Der politische Wille für gelungene Integration fehlt

Bildungsbereich gilt als besonders prekär – Chancengleichheit für alle gefordert

Wien, 9.9.2020: „Was bisher im Bereich Integration von der Politik geleistet wurde, ist zu wenig“, so fasst Andrea Ben Lassoued, Sprecherin der Organisation für Bildungs- und Informationsarbeit SÜDWIND, das Ergebnis des gestern präsentierten zehnten Integrationsberichtes zusammen. Wie im Bericht betont, ist Integration ein zweiseitiger, zeitintensiver Prozess, der beide Seiten der österreichischen Einwanderungsgesellschaft betrifft. „Wenn Integration funktionieren soll, dann muss die Politik bessere Rahmenbedingungen schaffen. Wir von Südwind fordern darum einmal mehr einen einen erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt, die Ermöglichung politischer Mitsprache und den Zugang zu hochwertiger Bildung für alle Migrantinnen und Migranten. Vor allem bei letzterem gibt es enormen Nachholbedarf, wie auch der Integrationsbericht klar aufzeigt.“

Besonders problematisch ist nach wie vor die hohe Bildungsvererblichkeit in Österreich. Die Vorschläge zur Behebung des Problems im Integrationsbericht reichen von der Einführung eines zweiten verpflichtenden Kindergartenjahres, der Ausweitung ganztägiger Schulformen und Nachmittagsbetreuung sowie einer Sommerschule und Elternkursen. Vermeintliche Lösungen wie mehr Elternarbeit sieht Ben Lassoued aber kritisch: „Bildungsferne Eltern, die ihre Kinder nicht ausreichend bei den Hausaufgaben unterstützen können, werden durch einen Sommerkurs nicht magischerweise zu AkadmikerInnen mit genügend Wohnraum, Zeit und Geld, das sie in die Schulbildung ihrer Kinder investieren können.“ BildungsexpertInnen und Stimmen aus der Zivilgesellschaft fordern darum schon länger Ganztagsschulen mit multiprofessionellen, diversen Teams aus SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, MentorInnen, sowie Sport- und Kulturangebote am Nachmittag. Davon würden alle Kinder – mit und ohne Migrationshintergrund – profitieren.

Der Integrationsbericht betont außerdem, dass ehrenamtliches Engagement einen hohen Mehrwert für alle Beteiligten der Gesellschaft hat. Ben Lassoued dazu: „Wir setzen uns schon seit Jahren für die Anerkennung des freiwilligen Engagements von Menschen mit Migrationshintergrund ein. Wir sehen in unserer täglichen Arbeit, mit welcher Motivation und Tatkraft sich viele Migrantinnen und Migranten engagieren und was sie dadurch für die Gesamtbevölkerung leisten. Wir wünschen uns, das dem mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird“. Beispielgebend für viele steht die Migrantin Tamador Omar. Sie gründete gemeinsam mit anderen die Initiative “Hoffnung ohne Grenzen” und berät gemeinsam mit anderen Freiwilligen über eine Hotline Personen aus der COVID 19-Risikogruppe in sechs Sprachen. Ein großes Team von Freiwilligen sorgt für Essen, medizinische Versorgung und Dolmetschdienste. Handbücher zu Freiwilligem Engagement in Österreich (auf Deutsch, Englisch und Arabisch)  finden Sie hier: www.suedwind.at/themen/migration-und-menschenrechte/stire/

Ben Lassoued gibt abschließend mit: „COVID-19 zeigte uns klar, wie sehr wir als Gesellschaft auf Migrantinnen und Migranten als SystemerhalterInnen im Gesundheitswesen, in der Lebensmittelproduktion und der Landwirtschaft angewiesen sind. Sie haben nicht nur die Grundversorgung in Krisenzeiten mit am Laufen gehalten sondern sich auch ehrenamtlich engagiert und über ihre eigenen Communities hinaus Hilfe geleistet. Jetzt ist es an der Zeit für die Politik endlich zu handeln und die Integrationspolitik entsprechend anzupassen, sodass alle in Österreich lebenden Menschen von Anfang an gleiche Chancen haben, auch wenn sie unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen“.

Weiterführende Informationen:

Rückfragehinweis:

Theresa Gral, Südwind Pressesprecherin, E-Mail: theresa.gral@suedwind.at, Tel.: +43 650 375 1987

Das Projekt STIRE wird aus dem Fonds für Asyl, Migration und Integration der Europäischen Union finanziert. Der Inhalt dieser Publikation stellt nur die Ansicht von Südwind dar und liegt in deren alleiniger Verantwortung. Die Europäische Kommission übernimmt keine Verantwortung für die Verwendung der darin enthaltenen Informationen.